top of page

"I am young again"

  • Autorenbild: linda
    linda
  • 19. Juni
  • 2 Min. Lesezeit

Ich gehe in der Vormittagssonne alleine einen Schotterweg entlang. Die Grillen zirpen in den Feldern und Gräsern am Wegesrand, Schmetterlinge kreuzen die Luftlinie meines Wegs, ich schubse kleine Steinchen vor mich her, wenn es sich ergibt. Langsam beginnt die Luft zu flirren und ich gehe in meinem natürlichsten Tempo den Weg weiter hinauf.


Ich bin wieder 17. Wir gehen die Weingärten hoch - ein bisschen über dem Städtchen, in dem ich geboren und aufgewachsen bin. Dort oben, wo man keine Weingärten vermutet, werden wir einander wieder treffen und uns in eine der Wiesen auf eine Decke legen. Die Zeit ist irrelevant - zumindest so lange, bis meine Mutter anruft, um zu fragen, wo ich gerade bin und wann ich nach Hause kommen werde. Rein aus Trotz bin ich natürlich kurz angebunden. Und ich sage natürlich auch nicht, dass wir eigentlich nur zu viert oder fünft auf einer Decke im Gras liegen, Eistee trinken und Zigaretten rauchen. Dabei über alles sprechen, was uns beschäftigt und lachen. Wir entfliehen dem Alltag - im Sommer geht das viel einfacher.

Es ist 2001 - die meisten Erwachsenen in unserer Umwelt sind davon überzeugt, dass das Internet ein Spielzeug ist. Eine verrückte Idee wie ein Tamagotchi.

Ich habe mein erstes Handy, das exakt zwei Dinge kann: ein Telefonat ermöglichen und eine SMS schicken (mit maximal 160 Zeichen).

Es ist die Zeit, in der ich mit meiner besten Freundin einen Internet-Piraten-Radiosender betreibe, wenn wir Zeit und Lust haben. Wir senden verrückte Musik, die viele nicht kennen und freuen uns wie verrückt über 3 Zuhörer.


Ich bin 28 und gehe allein weiter die Weinberge hinauf. In der Nähe meines Elternhauses gelangt man in sehr bekannten Weinberge, die dann auch mehrere Orte miteinander verbinden. Ich erinnere mich, an welchen Stellen wir als Kinder im Winter hinaufgelaufen und mit den Schlitten fast bis nach Hause gefahren sind. Eine Zeit, in der wir so viel Schnee hatten, dass unsere Iglus wochenlang im Garten stehenblieben. Als wir erst reingingen, weil mein Schneeanzug nicht nur nass sondern schon gefroren war und mir kalt wurde.

Ich schiebe das alte Hollandrad meiner Großmutter den Weinberg hinauf, um dann so schnell wie möglich hinunter zu fahren.

Um mich herum ist diese sommerliche Stille und über einen mp3-player kann ich Musik hören. Independent Musik, die manche als "keine Musik" einordnen.


Ich bin zeitlos - allein im Wald. Ein Stück weit weg von meiner Heimatstadt. Die Erinnerungen meines Körpers an Wärme, Sonne, die Geräusche und Eindrücke verschmelzen ineinander. Ich bin zeitlos glücklich. Geerdet. Im Leerlauf.

Meine beste Freundin schickt mir einen Link zu ihrer Playlist, die ich mithöre. Es sind neuere Songs - dasselbe Gefühl. Independent und Rock. Texte wie Gedichte, Melodien und Rhythmen wie Emotionen.

Ich bin heute wie früher. Und doch anders. Ich bin konzentrische Kreise um eine Mitte, die schon immer da war. Ich bin. Dankbar.


ree

 
 
 

Kommentare


bottom of page