Immer nur Probleme mit deinem Team?
- linda

- 30. Dez. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Du denkst bei “Führung” an Probleme mit deinem Team?
Manchmal entdecke ich in Führungskräfte-Coachings einen zugrundeliegenden Gedanken bei meinen Coachees: zu Beginn ist – logischerweise meistens – ein Problem oder eine Herausforderung, die gemeistert werden soll. Das ist mit Sicherheit die Konstellation für ein Coaching-Anliegen schlechthin.
Als Coach stelle ich dann je nach Thema, Führungskraft und Situation Fragen, die den Blickwinkel verändern können und eine Lösung unterstützen, die der Coachee für sich selbst entwickelt.

Wir sind also recht bald lösungsorientiert unterwegs, was ich für sinnvoll erachte und sich immer wieder neu als Weg des geringsten Schmerzes zeigt. Denn für unnötigen Schmerz, Leid und Verdruss ist das Leben zu kurz – finde ich. Und kein Teil des Teams wird dafür bezahlt.
Was oft hindurchschimmert ist allerdings ein Gedanke, den ich nachvollziehen, aber nicht stützen kann: Immer wieder sind Führungskräfte auf der Suche nach der einzig wahren Lösung, die alle Probleme für immer vom Team weichen lassen wird. Eine Art Heiliger Gral der fortwährenden Harmonie.
An dieser Stelle lade ich Dich ein, mich kurz auf ein Abenteuer zu begleiten. Wir kommen auch wieder zurück. Geht es los?
Stell dir vor, Du zappst abends durch die Programme. Draußen ist die Welt dunkel und still. Ein Bild hält dich davon ab, weiter zu schalten. Du bleibst in dieser Szene hängen - die Welt ist hell und still. Ein Schlittengespann fährt durch eine Eis- und Schnee-Landschaft. 14 Hunde ziehen den riesigen Schlitten, der alle nötigen Habseligkeiten und den Hundeführer transportiert.
Plötzlich bleibt der Schlitten stehen. Der Hundeführer ist irritiert und leicht verärgert. Er geht an die Spitze des Rudels um zu sehen, was das sein soll. Sein Gesichtsausdruck verändert sich: der Ärger weicht einer Mischung aus Scham, Einsicht, dann Demut. “Zehn Meter voraus ist ein Abgrund. Der Hund hat es gespürt. Ohne ihn wären wir mehrere Hundert Meter abgestürzt”
Mühevoll und vorsichtig gelingt die riskante Umkehr des Gespanns – die Fahrt und das Leben geht weiter.
Wir begleiten die Erzählerin, eine Journalistin, die einige Wochen in Grönland verbringt. Sie berichtet mit wenigen Worten und vielen leisen Bildern von ihrer Zeit – ihren Beobachtungen. Wir sind mittendrin statt nur dabei. Es gelingt ihr, in mir ein tiefgehendes Gefühl für die Orte und Menschen zu erzeugen. Sie vermittelt ihr Gefühl in dieser Zeit an uns: Innenschau, Eingebunden-Sein, präsent sein, erleben, zuhören, lernen. “Eines Tages ist da ein Gedanke in mir: “wie wäre es, nicht nur mitzufahren, sondern mein eigenes Gespann zu haben?””
Und so beginnt sie. In einer sanften Stärke überlegten Handlungen, hingebungsvoller Ruhe sehen wir sie bei ihrem Aufbau: sie nimmt über längere Zeit mehrere Hunde mit, sie leiht einen Schlitten. Sie knüpft das Gespann aus einfachen Plastik-Seilen, sie näht Halfter aus Gurtbändern. Sie und ihr Team trainieren gemeinsam zu laufen. Immer wieder.
“Wir lernen, gemeinsam unterwegs zu sein. Ich lerne die Charaktere der Hunde kennen: sie sind alle ganz unterschiedlich. Der verlässlichste und ruhigste kommt als Führung an die Spitze. Der quirlige Jugendliche kommt hinten links, wo er die anderen am wenigsten ablenkt.”
Ich sitze vor dem Fernseher und bemerke, wie Tränen meine Wangen hinunterlaufen, denn ich habe das tiefgreifende Gefühl, dass in dieser prosaischen Geschichte eine grundlegende Poesie des Lebens abgebildet ist. Ich kann wahren Purpose erleben. Bei weitem ist nichts davon perfekt, aber dennoch sind es vollkommene Momente, die ich beobachten kann, wenn ich hinsehe.
Als Mensch, als Coach und als Führungskraft kannst du immer und überall Dinge lernen.
Diese Journalistin ist Führungskraft. Sie coacht ihr Team zu einem Höchstleistungsteam, in dem sie alle Charaktere und Stärken bestmöglich einsetzt – zum Wohl aller. Sie ist demütig, wissend, dass sie selbst noch so viel zu lernen hat und auch von ihrem Team lernen muss. Sie ist aufmerksam, sie ist dankbar, sie genießt. Sie akzeptiert den Ärger, den sie manchmal über ihr Team oder sich selbst empfindet, sie atmet durch und macht weiter. Sie nimmt die schönen Momente und lebt sie voll aus.
Als es wärmer wird, wird ihr klar, dass sie ihr Team langsam reduzieren muss. Die Ausfahrten werden kürzer, das Eis dünner. Sie akzeptiert, dass alles seine Zeit und jede Zeit ihre Qualität hat. Ich bin gerührt, wie weise diese Frau ist: ihr Ego hält sie nicht davon ab, weise Entscheidungen zu treffen. Sie empfindet keine Wut darüber, alles, was sie in den letzten Wochen aufgebaut hat, auch wieder gehen zu lassen. Denn sie weiß, dass alles gut ist. Ich glaube, sie hat in einigen Wochen ein ganz eigenes Leben in ihrem Leben geführt - was für ein Geschenk!
Ich wünsche uns, dass wir manchmal daran denken, wie kurz gegriffen unser Wunsch nach perfekter Harmonie ist. Es ist unser Ego, das Frieden haben möchte, keinen Ärger, keinen Aufwand, keine Ablenkung, keine Mühsal.
Ich wünsche uns, dass wir durchatmen und uns daran erinnern, wofür wir gemeinsam fahren: damit es gemeinsam gut weitergeht, um voneinander zu lernen und immer besser zu werden. Um alle dabei zu haben und gemeinsam mehr zu sein, als die einzelnen Elemente, die man im Außen benennen könnte.
Ich stelle mir vor, wenn es mal schwierig ist, schließt du vielleicht deine Augen und stellst dir vor, du fährst mit deinem Team durch eine sich wandelnde Landschaft. Du spürst eure Energie, eure Hingabe, eure Kraft und der rauschende Fahrtwind streichelt dein sonnengewärmtes Gesicht.
Bald geht es auf zu neuen Abenteuern in 2026. Ich prüfe bis dahin schon mal die Ausrüstung ;)











Kommentare